Was ist Liebe? Nachgefragt bei Prof. Dr. Günter Burkart, Experte für Kultursoziologie
Experteninterview

Was ist Liebe? Nachgefragt bei Prof. Dr. Günter Burkart, Experte für Kultursoziologie

 

Was ist Liebe und wer hat’s erfunden? Prof. Dr. Günter Burkart gibt historische Einsichten darin, woher die Liebe kommt.

Herr Prof. Dr. Burkart, Sie betrachten die Liebe wissenschaftlich, historisch und kultursoziologisch, können Sie uns sagen:

Warum gibt es die Liebe?

Der Mensch ist nur als soziales Wesen lebensfähig, also in Gemeinschaften und in Bindungen. Familiäre Liebe in großen Familienverbänden, sowie Gruppen-Solidarität und Gemeinschaftsgefühl verloren mit der Zeit an Gewicht, während die Liebe in den „geschrumpften“ Paargemeinschaften an Bedeutung gewonnen hat. Warum? Das hängt unmittelbar mit der wachsenden Bedeutung von Individualität, besonders seit dem 18. Jahrhundert, zusammen. Seit dieser Zeit wurden die großen (Familien-)Gemeinschaften immer kleiner und intimer; Paare bildeten sich mehr und mehr auch unabhängig vom Familiengründungsgedanken.

Welche Vorteile hat denn die Zweier-Partnerschaft?

Für ein glückliches Leben bietet eine gute Paarbeziehung oftmals bessere Chancen als viele andere Bindungsformen. So schaffen moderne Zweierbeziehungen etwa Raum für Anerkennung und Geborgenheit. Sie ermöglichen aber auch Selbstverwirklichung, was in Freundschaften nur bis zu einem gewissen Grad funktioniert. Wer in einer Partnerschaft lebt, hat es in vielem leichter und lebt vielleicht besser (auch wenn eine Ehe immer noch manchmal ein „Gefängnis“ sein kann).

Liebe bis in alle Ewigkeit – mehr als nur ein Traum?

Erst einmal sollte man daran erinnern: Die Mehrheit aller Ehen bleibt ungeschieden. Und auch wenn sich die Tendenz durchsetzt, dass Beziehungen nicht mehr für das ganze Leben halten, besteht dennoch für die meisten Paare eine sogenannte „Ewigkeitsfiktion“. Das bedeutet, sie gehen ihre jeweilige Beziehung durchaus mit dem Glauben ein, dass diese für immer halten wird bzw. dass eine Beziehung generell ewig halten sollte. Und obwohl es ein großes Bedürfnis nach flüchtigen sexuellen Begegnungen gibt, dominiert ab einem gewissen Alter der Wunsch nach einer stabilen Beziehung zum Zweck der Familiengründung.

Aus welchen Gründen sind die Menschen überhaupt treu oder untreu?

Treue, d.h. Loyalität, ist immer noch einer der zentralen Werte in einer Liebesbeziehung. Neben der sexuellen Treue ist damit vor allem ein genereller Beistand gemeint. Untreue hingegen bezieht sich zumeist „nur“ auf Seitensprünge sexueller Art. So ist jemand entweder aus moralischen Gründen treu, weil ihm der Wert der Loyalität wichtig ist oder aber aus Vernunftgründen, wenn er zwischen „Kosten und Nutzen“ seiner Untreue abwägt. Polyamorie ist übrigens für die meisten keine Alternative.

Halten Online-Beziehungen laut Ihren Forschungen länger?

Langfristige Beziehungsstabilität hängt von der individuellen Beziehungsdynamik und von äußeren Einflüssen ab. Die Art und Weise der Partnerwahl, ob online oder analog, spielt dabei meines Erachtens weniger eine Rolle.

Warum entspinnen sich trotzdem so viele Diskussionen um die Partnersuche im Netz?

Viele möchten noch an Romantik und Schicksal glauben, und zweifeln deshalb an der „Berechenbarkeit“ des Lebens und der Liebe. Die Liebe online zu finden, basierend auf Daten und Technologie, ist für manch einen nicht vereinbar mit der klassisch-romantischen Vorstellung von der Partnersuche. Wer bis dato ganz analog unterwegs war, hat außerdem die Sorge, dass die Online-Partnersuche im Vergleich zu zufälligen sozialen Begegnungen zu sehr auf das Ziel fixiert sei und dadurch verkrampfe.

Zum Glück zeigen zahlreiche Positiv-Beispiele, dass die Online-Partnersuche funktioniert – ganz ohne verkrampft zu sein. Zu unserer letzten Frage: Wie frei ist die Liebe?

Dass die Liebe derart losgelöst ist von der Gesellschaft und gesellschaftlichen Zwängen, wie es im romantischen Ideal erscheint, ist nicht selbstverständlich: Psychologie, Neoliberalismus und der Effizienzdruck bedrohen die losgelöste Liebe und üben Druck aus. Denn, alles scheint heutzutage einen Zweck haben zu müssen: auch die Liebe. Ein äußerst unromantischer Gedanke, ich weiß.

Unsere verliebten LemonSwan Pärchen sehen den Zweck der Liebe zum Glück in sich selbst und den schönen Gefühlen, die damit einhergehen. Dennoch: Es ist wirklich spannend zu sehen, welche Entwicklungen die Liebe im Laufe der Zeit gemacht hat, um zu dem zu werden, wonach viele, viele Singles täglich auf der Suche sind. Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Interview, Herr Prof. Dr. Burkart.

 

Prof. Dr. Günter Burkard

Prof. Dr. Günter Burkart

Professor für Kultursoziologe an der Leuphana Universität Lüneburg

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